Stadt Land Ost
Profil

Zwei Jahre lang waren vier Studenten der Fotoklasse der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in den ostdeutschen Bundesländern unterwegs, um mit ihrer Kamera den gesellschaftlichen Wandel nach der Wende zu dokumentieren. An Details wie in großen Überblicken zeigten Max Baumann, Matthias Hoch, Frank-Heinrich Müller und Thomas Wolf auf, wo und wie sich das neue Leben in den Städten, Dörfern und Industrielandschaften darstellte. Die Ausstellung und das erste Katalogbuch von 1994 erhielten den Titel VOR ORT. Zwischen 1994 und 1996 kamen vier weitere Fotografen dazu und stellten ihre fotografischen Impressionen ostdeutscher Städte und Landschaften der Sammlung von VNG zur Verfügung. Die Fortführung der Sammlung wird im Katalogbuch VOR ORT OST dokumentiert.

Später ergänzten die Werke von neun weiteren Fotografinnen und Fotografen die Sammlung, die den Titel STADT LAND OST (engl.: CITY SCAPE EAST) trägt. Kernstück von Ausstellung und Buch sind Bildvergleiche. Alte und neue Aufnahmen desselben Standortes stehen einander gegenüber und umfassen eine Zeitspanne zwischen achtzig und fünf Jahren. Westdeutsche Künstler kamen nach 1991 in die neuen Bundesländer, um dort Motive für ihre Arbeit zu finden; ostdeutsche Künstler gewannen zunehmend Anerkennung und begannen eigenständige Karrieren. All das ist in Ausstellung und Buch versammelt, die nicht nur eine der wichtigsten deutschen Fotokunstsammlungen präsentieren, sondern auch einen großen Beitrag zur deutschen Identität leisten.

Insgesamt umfasst die Sammlung 600 Fotos von 18 Fotografen und ist damit in Umfang und Qualität beispiellos. Drei Bücher sind erschienen: VOR ORT (1994), VOR ORT OST (1997) und STADT LAND OST (2001).

Geschichte

»Als ich Ende 1989 mit meiner Frau durch Leipzig spazieren ging, fielen mir die bizarren Mauerreste der verfallenden Gründerzeithäuser auf und die vielen Schornsteine, die sich in alle Himmelsrichtungen bogen. Vor der Wende hatten wir diese Details nie gesehen, und jetzt fragten wir uns, wie das Alles in zehn Jahren aussehen würde.«

So berichtete Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der 1990 gegründeten VNG AG, über seine Motivation, neben anderen Kultursponsoring-Aktivitäten noch eine einzigartige fotografische Sammlung aufzubauen. Inzwischen weiß die VNG nicht nur, was aus diesen und anderen Schornsteinen geworden ist, sondern haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der neuen Konzernzentrale in Leipzig diese Bilder täglich vor Augen.

Im Sommer 1992 stellten drei junge Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ein Projekt aus, das eine genaue und sensible Dokumentation des Bitterfelder Landes nördlich von Leipzig in präzisen, teilweise recht großformatigen Architekturfotografien zum Thema hat. Dr.-Ing. Holst besuchte die Ausstellung und erinnert sich an die Schornsteine samt der Frage, was aus ihnen wohl werden mag. »Schlagartig«, so Dr.-Ing. Holst, sei ihm klar geworden, wie der Wandel Ostdeutschlands zu dokumentieren sei – durch Architekturfotografien. Er wandte sich an den Initiator des Bitterfelder Projekts, den Fotografen Frank-Heinrich Müller, und bat ihn, eine »Sammlung topografischer Fotografien Ostdeutschlands« aufzubauen. Müller schlug als Bildlieferanten zu seinen beiden Ausstellungskollegen Max Baumann und Thomas Wolf noch den damaligen Assistenten der HGB Leipzig, Matthias Hoch, vor, und mit diesen vier, die alle noch am Anfang ihres beruflichen Werdegangs stehen, begann ein einzigartiges Sammlungsvorhaben.

Die vier Fotografen erhielten den Auftrag, jedes Jahr ein Kontingent von Bildern an die VNG abzuliefern. Diese Bilder hatten keinen anderen Auftrag als die Darstellung der Veränderung ostdeutscher Städte und Landschaften unter den Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels nach der deutschen Wiedervereinigung. Die Sammlung erhielt den Titel »Archiv der Wirklichkeit« und wird ein erstes Mal im Jahr 1994 auf der Mailänder Gasmesse präsentiert. Das erste Katalogbuch mit dem Titel VOR ORT erschien im gleichen Jahr.

In den Jahren 1995/96 wurden vier weitere hinzugezogen, die nicht mehr nur dem engen Umfeld der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst zuzuordnen sind: Peter Oehlmann, Hans-Christian Schink, Michael Schroedter und Ulrich Wüst. Die Sammlung wuchs schnell, und als zur Kopenhagener Gasmesse des Jahres 1997 ein erster Sammlungsüberblick publiziert wurde, umfasste das Katalogbuch nicht weniger als 376 Abbildungen. Unter dem Titel VOR ORT OST zeigt es alte und neue Formen der Architektur, Landschaften und Parks, alte Stadtkerne und neuere bis neue Wohnsiedlungen, weiterhin in präzisen, detailreichen Fotografien – stilistisch einer Dokumentarfotografie verpflichtet, die sich zunehmend im Kunstmarkt etabliert hat.

Anspruch

Die Aufnahmen dokumentieren die Veränderung der Architektur, Orte und Landschaften Ostdeutschlands in den Jahren zwischen 1992 und 2000. Dabei dient die äußere Realität der Fotografien als eindrückliches Spiegelbild auch eines gesellschaftlichen Wandels. Die Bilder, im Augenblick der Aufnahme bereits Geschichte, werden zu Orten der Erinnerung, zu Monumenten flüchtiger Wirklichkeiten. Damit leisten die Fotografien einen Beitrag zur Erfahrung deutscher Identität. Mit den politischen Umwälzungen der Wendezeit begann in Ostdeutschland auch eine rasante Verwandlung der Landschaft. Industrieanlagen, plötzlich unbrauchbar geworden, verschwanden oder blieben vergessen in der Landschaft zurück. Daneben entstanden die architektonischen Zeichen einer neuen Zeit. Mochten sich Bewohner und Besucher des Ostens Anfang der neunziger Jahre noch die Frage stellen, wie es hier wohl in zehn Jahren aussehen würde, fällt es jetzt, nach Ablauf dieser Zeit, umgekehrt schwer, die Frage zu beantworten: Wie hat es hier wohl früher einmal ausgesehen?

In verschiedenen Ausstellungen wurden die Fotos in Auswahl gezeigt. Schon jetzt entfaltet die Sammlung ihre Wirkung als »Archiv der Wirklichkeit«, schließt Erinnerungslücken, die der dramatische Wandel der ostdeutschen Landschaft hinterlassen hat. In der Absicht begonnen, drohenden Verlusten kultureller und lebensweltlicher Identität entgegenzuwirken, ist die Sammlung nun selbst zu einem wertvollen Bestand ostdeutscher Kultur herangereift.