East for the record
Profil

GELEITWORT

„1989 war das Jahr der großen Freiheitsrevolution in Europa. Den mutigen ­Bürgerinnen und Bürgern in der damaligen DDR, die mit den Rufen „Keine Gewalt“, „Wir sind das Volk“, „Wir sind ein Volk“ ein neues Kapitel in der Freiheitsgeschichte Europas und Deutschlands aufgeschlagen haben, verdanken wir, dass es zu einer europäischen Freiheitsrevolution kam. Eine solche Geschichte wird erst lebendig durch die Wiedergabe der Erinnerungen Einzelner. Denn in den Einzelschicksalen vollzog sich der historische Prozess jenes Jahres. Vielfältig war das Eintreten für Freiheit und Bürgerrechte. […]“

 

Bundesminister a.D. Hans-Dietrich Genscher (1927-2016)

 

„EAST – Zu Protokoll“ (engl.: „EAST – for the record“) ist eine multiperspektivische Chronik des Herbstes 1989, die zu den wichtigsten zeitgenössischen deutschen Fotokunstsammlungen zählt. Der Fotograf Frank-Heinrich Müller hat Beiträge von insgesamt 75 Autoren ausgewählt, die zwei Bedingungen zu erfüllen hatten: Sie sollten zu einem genau definierten Zeitpunkt zwischen dem 1. August und 31. Dezember 1989 entstanden sein und aus Sicht der Fotografen ein spezifisches Moment ihrer persönlichen Erinnerung bezeichnen. Eine Zeitspanne voller unterschiedlicher Erinnerungen, die sämtlich mit einem Ereignis verknüpft sind: mit der Wende.
Die meisten der 220 Fotografien sind eher beiläufig entstanden. Erst mit dem Rückblick wurden sie aus ihren Archiven als ein Zeugnis dieser Zeit ausgewählt. Die Bilder zeigen einen scheinbar unberührten Alltag abseits der politischen Bühnen dieser Zeit. Die Fotografen haben dazu ihre Erinnerungen aufgeschrieben oder Textdokumente aus der Entstehungszeit zur Verfügung gestellt. In einem Begleitdokument zur Fotosammlung „EAST – Zu Protokoll“ sind diese für den Besucher chronologisch zusammengetragen.

Geschichte

Herbst 1989, die Mauer wankt und fällt schließlich – eine Zeit des Aufbruchs, der Schlagzeilen, doch vor allem der vielen Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste. Jenseits des Weltpolitischen sind zahllose Geschichten zu erzählen von Menschen mit ihren ganz persönlichen Empfindungen.

„Am Anfang stand, wie es mit großen Ideen so geht, eine einfache Beobachtung. Walter Kempowski saß 1948 hungrig und beschmutzt in einem Güterwaggon, der ihn, von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, nach Bautzen bringen sollte. Bei einem Halt beobachtet er durch eine Ritze im Bretterverschlag ein spazierendes Ehepaar, sie im Blümchenkleid, er in Knickerbockern, sorglos im Sonnenschein. Das hat ihm den Schock von der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren versetzt. Wie viel Glück und Unglück, Harmloses und Tragisches, Lebensbedrohendes und Idyllisches stapeln sich in jeder Weltsekunde aufeinander! Das ist so unendlich, so unfassbar wie die Zahlen, die zwischen eins und zwei liegen.“ (Iris Radisch über Walter Kempowski, „Das Echolot, Abgesang ’45, Ein kollektives Tagebuch“)

Anspruch

Die Idee für die Fotosammlung knüpft an diese Beschreibung an. Sie basiert auf der Gleichzeitigkeit und Unvereinbarkeit von Ereignissen zwischen August 1989 und Januar 1990. Foto­grafinnen und Fotografen wurden um ein persönliches Bild für diesen historisch bedeut­samen Zeitraum in Deutschland gebeten. Manche gaben ein Bild, andere mehrere. Nicht für jeden Tag ließ sich ein Bild finden. Daher sind auch die kalendarischen Lücken Bestandteil des Projekts. Im Vordergrund steht der schweifende Blick, der historisch und persönlich Bedeutendes und Marginales gleichermaßen aufgreift und nicht auf die voll­ständige Erfassung oder gar Repräsentation wichtiger historischer Ereignisse abzielt.